Ikonenkunde

1. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Lords of Dogtown (USA 2005, Catherine Hardwicke)

Mit dem 2001 entstandenen Dokumentarfilm „Dogtown and Z-Boys“ lieferte Drehbuchautor Stacy Peralta die Vorlage für diesen nostalgischen Rückblick auf die frühen Gründerjahre der Skateszene rund um Venicebeach Mitte der 70er Jahre. Stacy Peralta war damals selbst Teil der so genannten Z-Boys, eine Gruppe scheinbar dauerbreiter Jugendlicher aus ärmlicheren Verhältnissen, die den bis dato schlicht auf reines Balancevermögen reduzierten Stil des Skatens durch Integration architektonischer Fundstücke in die neuen Höhen des agressiveren Streetstyles hieften und dessen Vollendung heute noch die Nachfolger dazu treibt, schwerst nachvollziehbare Flipvariationen 20 Stufen herab zu vollführen. Gleichzeitig erzählt der Film von der zunehmenden Professionalisierung und Kommerzialisierung der Szene, vom Einzug des Wettbewerbswesens, des Sponsorings, der medialen Vereinnahmung eines Phänomens und der Konstruktion von Stars. Kurzum: Er fiktionalisiert die Umbruchsphase des unschuldigen Outlawdaseins hin zu einem millionenschweren Industriezweig.

Dass Peralta mit der Gründung seiner Firma „Powell Peralta“ Anfang der 80er die Speerspitze jener Entwicklung bilden sollte – geschenkt. Dass er den Stoff dazu nutzt, um sein hier agierendes Bildnis mit einer herzerwärmenden Güte, Naivität und Nonchalance zu skizzieren, so dass nicht nur das glatte, blonde Haar an einen unschuldigen Engel erinnern lässt – abgewatscht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort wird noch jeder mit seiner Eitelkeit hausiere gehen. Aber wenn selbsternannte Ikonen sich dazu aufschwingen, der eigenen Mythenbildung den richtigen Guss zu verpassen, dann wäre wenigstens eine Prise Understatement eine wünschenswerte Tugend gewesen. Der Film suhlt sich regelrecht in dem Bestreben als fulminanter Kult von Initiatoren für Fans durchzugehen und bietet narrativ nicht selten gehobenen Kitsch. Auf der einen Seite gibt es kurze Auftritte verschiedener Größen wie Tony Hawk oder Johnny Knoxville und frei schwebende Aufnahmen diverser Poolsessions, die unschwer an die Bildproduktionen der unzähligen Skatevideos, in denen die Fahrer im Minutentakt ihr Können unter Beweis zu stellen haben, angelehnt sind, auf der anderen Seite flattert die romantizistische Perspektive auf eine Gruppe eingeschworener Freaks, die auszogen, um den Blick auf den Beton nachhaltig zu verändern. Keine der Figuren besitzt genügend Profil, um so etwas wie einen runden Charakter auch nur erahnen zu lassen, schon deshalb weil alle Beteiligten sich damit begnügen, per Handshake und großer Fresse miteinander zu kommunizieren. Natürlich ist Skateboardfahren das verbindende Element der Gruppe. Allerdings fällt es da auch nicht sonderlich ins Gewicht, wenn sich die einstmaligen Freunde als Konkurrenten auf der Startrampe irgendeines Contests wiederfinden.

Das Cruisen ist niemals vorbei. Der Niedergang des glamourösen Beachparks ist selbstredend nur beim schwülstigen Sonnenuntergang mit einer Pulle Whiskey in Tüten genießbar. Der Gipfel jedoch ist die höchst überzogene Rekonstruktion eines Black Flag Auftritts, bei dem sich die Besucher erstmal durch die Clubscheibe schmeißen, um den Pogo auf der Straße fortzusetzen, während der höchstgradig peinliche Mützenträger-Abklatsch an der Bruchstelle „Nervous Breakdown“ intoniert. Das ist dann wohl der Link zum Punkrock als ikonographisches Abbild der Aufsässigkeit, leider Gottes aber bloß auf seinem Mythenfundament, so wie der ganze Film nichts weiter versucht, als seinen eigenen Mythos zu kreieren. Dass aus den autobiographischen Figuren alteingesessene Stars hervorgegangen sind, ist bekannt. Dass einer von ihnen viel zu früh aufgrund eines Gehirntumors dahingerafft wurde, ist tragisch. Dass Skaten mal die hohen Weihen der Gesellschaftsfähigkeit erlangen würde, ist interessant. Drei Dinge auf einmal, und es geht trotzdem nicht.

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