Zivilcourage

1. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Kay Sokolowsky: Michael Moore

Dieses Buch ist eine Einladung. Eine Einladung zu einer differenzierten Betrachtungsweise der Person und des Phänomens Michael Moore, der seit der Renaissance des enthemmten Antiamerikanismus im hiesigen Lande höchst polarisierend in den politischen Richtungen rezipiert wurde. Von den Linken als tumber Agitator verlacht, von den Rechten als exponierter Dokumentarist der uramerikanischen Kriegstreiberei vereinnahmt (diese Semantik besäße übrigens immer noch ihren wahren Kern, würde man beide Begriffe gegeneinander austauschen; aber das ist eine, wenn auch nicht völlig andere Geschichte), wird doch ein maßgeblicher Punkt bei all berechtigter Kritik oftmals aus dem Auge verloren: Michael Moores Weltbild dürfte mit dem der Linken bloß marginal übereinstimmen. Seine Kritik zielt nicht auf das Wesen von Institutionen ab, sondern gilt lediglich ihren Fehlleistungen; sein Ruf nach gerechten Arbeitslöhnen für die ungerecht Behandelten tastet das kapitalistische Arbeitsprinzip nicht im geringsten an; sein Unmut ergießt sich über korrupte Politiker, Gewerkschaftsführer, Medienmogule, Journalisten, Schauspieler, Vorstandsvorsitzende und Lobbyisten, also Kleingeister, deren vornehmliche Aufgabe darin besteht, den Laden am Laufen und die eigenen Schäfchen im Trockenen zu halten, also jene Angehörigen der Kaste Arschloch, die ihren Job genau genommen zu gut erledigen, als dass man es ihnen ungestraft durchgehen ließe. Ihnen ist der Zorn Moores gewiss und dabei betreibt er weiß Gott keine genuin linke Analyse der falschen Verhältnisse, sondern geriert sich vielmehr als emotionaler Moralist mit liberalistischer Attitüde und ordentlichem Hang zur Zivilcourage. Dass bei einem Mann, dessen ideologisches Gerüst vor allem die wortgetreue Auslegung der Verfassung darstellt, mit dem Verweis auf Entfremdung, Warenfetischismus und universellem Verblendungszusammenhang nicht sonderlich viel zu holen ist, liegt ebenso auf der Hand, wie auch die Tatsache, dass ein solch aufklärerisches Konzept (nämlich die „kleinen“ Ungerechtigkeiten zu benennen, ohne sie im Großen zu kontextualisieren) Wasser auf den Mühlen der Antiimp-Presse wie der des bürgerlichen Lagers erzeugt. Im regressiven Gefühlskanon lässt es sich gut schwimmen, so viel ist klar. Die Frage lautet bloß, ob Moore, wie oftmals bemängelt, einem Kalkül folgt, wenn er seinen Reflexen und Bauchgefühlen mehr Gehör zu schenken scheint, als seinem Intellekt. Das gilt um so mehr für jemanden, der mit seinen Aussagen zwar oftmals einen politischen Bauchklatscher hinlegt, andererseits aus seinen Ab- und Ansichten keinerlei Hehl macht.

Seine Tätigkeiten erstrecken sich auf mannigfaltigen Gebieten, derer er sich, nicht selten eher schlecht als recht, autodidaktisch befleißigte: Autor, Agitator, Stand-Up Comedian, Film-, Dokumentarfilm- und Fernsehregisseur, Schauspieler und irgendwo dann auch Satiriker. Das Problem rührt vielleicht nicht minder daher, dass sein Oeuvre hierzulande, bis auf die meist plumpen Pamphlete filmischer und schriftlicher Art, nur unvollständig erschlossen ist. Schenkt man Sokolowsky Glauben, so bilden die in den 90ern realisierten Fernsehformate TV Nation und The Awful Truth den Kern von Moores Arbeiten, und hier scheint sich denn tatsächlich ein subversives Potential zu offenbaren, welches den eher eitel daher kommenden Nabelschauen neuerer Machart aus der Moore-Werkstatt zumeist abgeht: Wenn Moore verschiedene katholische Kirchen aufsucht, um dort die immer gleichen Sünden zu beichten, so dass aus den verhängten Bußen ein Leitfaden für Kirchengänger enstehen soll, wenn der Staat Mississippi erst 1995 die Sklaverei offiziell verbietet, so dass ein Schwarzer noch eilig ein paar weiße Männer kauft, die er dann genüsslich durch eine Redneck-Kneipe peitscht, wenn Moore dem republikanischen Abgeordneten Newt Gingrich auf einer Parade auflauert, um ihn vor versammelter Mannschaft zu fragen, warum sein Landkreis 17000 Dollar Fördermittel jährlich für die Küstenwache einsacke, obwohl er weit und breit keine Küste entdecken könne und sich mit der Antwort, versteckte Scharfschützen hätten ihn bereits im Visier, abspeisen lassen muss, dann offenbart sich ein Feld voller politischer Sarkasmen, für das ein Schlingensief Subventionen erhält. Feingeistige Satire sieht anders aus, natürlich, Moores Selbststilisierung zum hochgearbeiteten Redner der unterdrückten Massen ist ein Graus und sein Ungerechtigkeitsempfinden irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben, dennoch scheint seine Guerilla-Taktik auf effektive Weise auch mal Angst bei denjenigen hervorzurufen, die sie normalerweise erzeugen.

Kay Sokolowsky – Michael Moore. Filmemacher, Volksheld, Staatsfeind, Konkret Literatur Verlag 2005, 15 Euro

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