Mut zur Lücke

1. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Josef Schnelle/Rüdiger Suchsland: Zeichen und Wunder – Das Kino von Zhang Yimou und Wong Kar-Wei

Mit dieser Doppelmonografie legt der Schüren-Verlag erstmals im deutschsprachigen Raum ein Buch zu den Oeuvres Wong Kar-Weis und Zhang Yimous vor. Dabei könnten augenscheinlich Methoden als auch kulturelle Einbettung beider Regisseure unterschiedlicher nicht sein: Waltet bei Yimou strenger Formalismus, der sowohl produktionstechnisch als auch ästhetisch seinen Ausdruck findet, verliert sich Wong Kar-Wei im assoziativen Strom des Bilderrauschs, lässt Stimmungen gegenüber narrativer Dichte dominieren und findet seinen Rückhalt zudem in einem sehr europäischen Filmverständnis. So ist es erklärtes Ziel der beiden Filmjournalisten Schnelle und Suchsland, „Gemeinsamkeiten und Differenzen in Stil, Motiv und Themensuche“ nachzuspüren und beiläufig den Rahmen für die Spezifika chinesischer Kultur wie Kulturindustrie zu justieren.

Der eher feuilletonistische Stil kommt diesem Vorhaben zum Teil zugute. Da er sich durch die Verweigerung wissenschaftlicher Präzision selbst den Handschriften der Regisseure verschreibt, vermittelt er ein Gefühl für ihre motivische und ästhetische Vielfalt, ohne den Gestus der Bewunderung hintanstellen zu müssen. Die Kapitel etwa zu Farbwelten, Sehen und Blicken, die die Verbindung beider Regisseure durchaus zu legitimieren wissen, sind wahre Kleinode. Auch die historischen Kontextualisierungen, in denen sich die Differenzen zwischen chinesischer und hongkong-chinesischer Filmgeschichte historisch bedingt gar nicht so sehr als dichotome Pole, denn mehr als signifikante Momente der Interdependenz offenbaren, schärfen den Blick auf den Stadtstaat.

Ärgerlich wird es, wenn der gelegentliche Plauderton die beiden Autoren dazu nötigt, diese ausgemachten Freiheiten gegenüber dem vermeintlich restriktiven Studiosystem Hollywoods in Stellung zu bringen, also eben die Gelegenheit zu nutzen, um etwas Ressentimentpflege zu betreiben und sich ausgleichend dazu in kultischer Verehrung bezüglich asiatischer Filmkunst etwas zu oft den Ball zuzuspielen. Das mag vielleicht auch der Grund für den etwas inkonsistenten Aufbau des Buchs sein, wodurch viele Aspekte angerissen werden, aber auch etwas unvermittelt nebeneinander stehen. Das prädestiniert das Buch zwar zum angenehmen Querlesen, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Aspekte – und davon zeugt vielleicht auch die für den Verlag ungewöhnlich ausführliche Bebilderung – noch undurchleuchtet bleiben, was sich beide Autoren indes in der Einleitung selbst eingestehen.

Und abschließend: über die zahlreichen Tipp- und Grammatikfehler mag man hinwegsehen, solange sie keine Sinnentstellung zu Folge haben, den Verzicht auf ein Personen- und Schlagwort-Verzeichnis hätte es aber nicht gebraucht.

Josef Schnelle/Rüdiger Suchsland: Zeichen und Wunder – Das Kino von Zhang Yimou und Wong Kar-Wei, Marburg 2007, Schüren Verlag, 19,90 Euro

Erstveröffentlichung: Testcard #18

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