Wutprotokoll

1. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ignacio Ramonet – Liebesgrüsse aus Hollywood. Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder

Da schreibt er nun und kann nicht anders. Wie für die Le Monde, so gilt auch hier: Fakten, Fakten, Fakten und immer an die Leser denken:

„Nicht wenige Bürger Europas haben sich gewissermaßen zu „Transkulturellen“ entwickelt, Mischwesen aus unversöhnlichen Versatzstücken, in denen unter einer europäischen Haut ein amerikanischer Geist lebt.“

Bilder, es sind Bilder, die uns infiltrieren, und das hat Folgen, risikoreiche Folgen. Ignacio, das hat doch schon mal jemand festgestellt, wars nicht gar ein Amerikaner?

„Herbert I. Schiller.“

Genau, und wie ging das noch?

„Eine Nation, deren Massenmedien vom Ausland dominiert sind, ist keine Nation.“

Schau an. Ja, da mag man gar nicht mehr so recht glauben, dass den Medien daran gelegen ist, uns objektive Informationen zukommen zu lassen, oder?

„Die Medien wenden sich inzwischen nicht mehr mit dem Ziel an uns, objektive Informationen zu vermitteln, sondern um unsere Köpfe zu erobern. Frei nach Goebbels: „Wir sprechen nicht, um etwas zu sagen, sondern um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.“

Also wenn ich Goebbels höre, muss ich immer an Nazis denken. Willst du damit sagen, dass…

„Nachdem die Vereinigten Staaten einst die Indianer ausgerottet, die Schwarzen Afrikas versklavt, den Mexikanern Land geraubt und die Puertoricaner kolonisiert hatten, lernten sie, dass man in anderen Zeiten mit anderen Methoden weiterkommt, und sind nunmehr bestrebt, sich auf friedliche Weise in den Köpfen aller Nichtamerikaner festzusetzen und ihre Seelen zu verführen.“

Das ist witzig. Weißt du, Max Weber, ein deutscher Soziologe aus seligen Zeiten objektiver Pflichterfüllung, hat mal in so einem dicken, gelben Buch geschrieben, dass…

„(…) weil Amerika überdies die kulturelle und ideologische Hegemonie innehat. Amerika kontrolliert das Feld des Symbolischen und übt damit aus, was Max Weber als „charismatische Herrschaft“ bezeichnet hat.“

Ach, du hast den Klappentext auch gelesen? Aber mein lieber Ignacio, was du, sicher nicht ungewollt, verkennst, ist doch…

„Amerika bevölkert unsere Träume mit einer Unmenge medialer Helden, die sich als Trojanisches Pferd des Unterdrückers im Innersten unseres Hirns breit machen. (Der) Anteil der französischen Filme (liegt) nur knapp über der magischen Grenze von 25 Prozent, unterhalb deren von einer nationalen Filmproduktion nicht mehr die Rede sein kann.“

Gute Güte, jetzt leg bloß die Kamera aus der Hand…den Asterix Comic auch, ich will doch nur…

„Mit der Einführung zusätzlicher Digitalsender, die von 80 Prozent der Zuschauer mit einer herkömmlichen Fernsehantenne empfangen werden können, wird sich diese Situation weiter verschlimmern. (…) So wird es für die Vereinigten Staaten immer leichter, ihre Fernsehfilme, Serien, Zeichentrickfilme, Videoclips, Comics, Quizsendungen, Sportübertragungen,Werbespots usw. in unsere Wohnzimmer zu zaubern und unsere Vorstellungswelt mit Beschlag zu belegen.“

Das schlägt mir auf den Magen, du bist heute ja unerträg….

„Dass sie damit auch beeinflussen, wie wir uns kleiden, was wir essen und wie wir unsere Städte gestalten, bedarf wohl keiner Erwähnung.“

Ach komm, wenigstens haben ein paar von denen uns wunderschöne Filme hinterlassen, z.B. John Boorman, Francis Ford Coppola, Steven Spielberg, William Friedkin, Martin Scorsese oder Brian de Palma.

„Leute wie John Boorman, Francis Ford Coppola, (…) Steven Spielberg, William Friedkin, Martin Scorsese, Brian de Palma und John Badham…“

Stimmt, den hatte ich glatt vergessen…

„…schließlich haben sich den Stil des Fernsehens völlig zu Eigen gemacht – manche von ihnen erlernten ihn an der Universität – und reproduzieren ihn mit einem Maximum an Effizienz. Dass ihre Filme im Allgemeinen positive Aufnahme finden, erklärt sich aus dem Umstand, dass das Publikum endlich eine ganze TV-Serie am Stück konsumieren kann, ohne die ständigen Werbeunterbrechungen.“

Ach so…aber Apocalypse Now war doch großartig, hm? Denk nur mal an die „berühmte Sequenz des Hubschrauberangriffs“…

„Die ganze Sequenz ist aus dem Blickwinkel des Angreifers gedreht. (…) Deshalb erregt diese Sequenz beim bequem sitzenden Betrachter ambivalente, beunruhigende, unangenehme Gefühle, will sagen: den Eindruck (…) an einer „Befriedungoperation“ mitzuwirken. Die ideologische Perversität dieser Wirkung der subjektiven Kameraführung…“

Mit subjektiver Kameraführung hat das mal wenig…

„…kann niemandem entgehen, wurde sie von deutschen Kameramännern im Nazismus doch häufig eingesetzt, um den Massen die Identifikation mit dem Führer zu erleichtern.“

Ok, Ignacio. Anderes Thema, sonst wird mir das bald zuviel mit dir. Lass mich wenigstens noch eine Frage an dich richten, bevor du gleich beginnst, einen Zaun um uns zu schlagen…und leg bitte das Baguette aus der Hand…Der Kinosaal. Der Kinosaal als…

„Als kulturelle Praxis geht die Betrachtung eines Films bisweilen mit Zwang einher und kommt mitunter einer regelrechten Einkerkerung gleich. Wenn ein Film zum Beispiel langweilt (…), wandelt sich der Kinosaal für den Zuschauer, der sich aus verschiedensten Gründen genötigt sehen mag, den Saal nicht zu verlassen, in eine veritable Gefängniszelle, mit allen Merkmalen, die eine Strafgefangenschaft kennzeichnen: geschlossener Raum, Dunkelheit, eingeschränkte Bewegungsunfreiheit, Stille, Dauer.“

Ramonet? Kann es sein, dass wir mit dir einen autoritären Charakter par excellence vorgesetzt bekommen haben?

„Macht.“

Ach, halt einfach die Fresse.

Ignacio Ramonet: Liebesgrüsse aus Hollywood. Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder (Rotpunktverlag 2002, 19 Dollar)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Wutprotokoll auf Sven Jachmann.

Meta