I-Gott

2. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Marc-Antoine Mathieus Medienkritik

In seinen brillanten Geschichten um die Figur Julius Corentin Acquefacques transzendiert Mathieu auf groteske Weise die narrativen Grenzen des Comics – und zwar im wörtlichen Sinne. Seinen im Ministerium für Humor angestellten Helden konfrontiert er stets mit Bedrohungen, die das Medium selbst erzeugt: Panelränder, Seitenarchitekturen, das Zeitverhältnis im gezeichneten Bild – Gefahrenherde gibt es reichlich. Diese Welt mit ihren absurden Gesetzen ist nah dran an Ks Sinnsuche im rationalistischen Nirvana aus Kafkas Erzählkosmos. Sehr amüsant und außerordentlich lehrreich ist das noch dazu. Welche Figuren gefährdet schon ihr eigenes Medium und wann sonst gerät Selbstreferentialität wirklich komisch?

Nichts davon ist in Mathieus neuestem Werk enthalten, und das liegt daran, dass sich Mathieu ganz auf das Deklinieren einer schmalbrüstigen Idee verlässt: Was wäre, wenn Gott existieren und sich zu erkennen geben würde? Beispielsweise wie hier bei einer Volkszählung? Nun, die Theodizee müsste neu verhandelt werden, und die Kulturindustrie würde freudig in die Hände spucken. So greifen zwei Erzählmodelle beständig ineinander. Gott verantwortet sich in einem Schauprozess und behält selbstredend die Oberhand. Derweil feilt ein Team aus Spindoktoren, Coachs und weiterem Gesocks daran, aus ihm die perfekte Marke zu kreieren. Das Ganze geschieht im Stil einer Dokumentation. Talking heads und TV-Aufnahmen bilden die Erzählerperspektive und beleuchten das Ausmaß der medialen Zurichtung in den Subsystemen: Gott-Freizeitparks werden entworfen, der Literaturmarkt kennt nur noch einen Autor, der Kunstbetrieb wagt sich an ein Bildnis (ansonsten wird Gottes Konterfei nie gezeigt), in Quizshows ist ER der beliebteste Gast.

Wenn diese Mischung aus philosophischem Proseminar und Medienkritik auf ein dystopisches Finale zusteuert, wird der kulturpessimistische Kern des Spektakels entblättert: Gott verschwindet, spricht später via Videobotschaft zur besorgten Bevölkerung und enthüllt sich als (vermeintlicher?) Schauspieler einer großangelegten Werbekampagne; über seinen an höchstleistungsfähige Suchmaschinen angeschlossene Knopf im Ohr bekam er die allwissenden Antworten diktiert. Und so zeigt das Schlussbild eine stoische Masse an I-Gott-Trägern, zufrieden in die Leere blickend, weil nun jeder alles weiß.

Marc-Antoine Mathieu – Gott höchstselbst. Reprodukt, Berlin 2010, 128 Seiten, 20 Euro

Erstveröffentlichung: KONKRET 10/2010

Postmoderne Traumdeuter

2. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Die neue Buchreihe „yellow. Schriften zur Comicforschung“

In Deutschland von einer interdisziplinären oder gar institutionalisierten Comicforschung zu sprechen, wäre schlicht übertrieben. Sie ist höchstens eine Angelegenheit versprengter Intellektueller, die sich vornehmlich im kultur- und literaturwissenschaftlichen Umfeld bewegen.

mehr: Der Tagesspiegel

Zeitsprünge und Figurenautonomie

2. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Marc-Antoine Mathieus „Der Wirbel“

Wenn man die Anatomie des Comics studieren möchte, dann sind Marc-Antoine Mathieus Geschichten des Helden Julius Corentin Acquefacques, dem Gefangenen der Träume, einfach unumgänglich. In fünf (in Frankreich bereits sechs) jeweils in sich abgeschlossenen Bänden transzendiert dieser gezeichnete Verwandte von Kafkas Herrn K unwillentlich immer wieder aufs Neue die Grenzen jener Gattung, der er selbst angehört.

mehr: satt.org

Wo bin ich?

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